Das Reflektionspotential der Buletten-Stulle (Rezension: 60 Jahre Deutschland, eine kulinarische Zeitreise)

„Malzeit! 60 Jahre Deutschland – Eine kulinarische Zeitreise“ hat Unterhaltungs- und Bildungswert, regt zum Weiter-Denken an. Berühmte Speisen werden dort in ihrem historischen Kontext reflektiert und das Historische im Kontext berühmter Speisen. „Man ist, was man isst“ wurde dabei auf eine unverwechselbare Art und Weise ernst genommen.  Ordentlich ausgeteilt wird dabei ohnehin – in alle Richtungen: Die Vielfalt dessen, was in 60 Jahren garte, kochte, brodelte, spritzte, anbrannte und (nicht) schmeckte, verpacken Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann in einem unterhaltsamen, aber unaufdringlichen Buch, das einen guten Kandidaten für gemütliche, aber dennoch spannende und informative Abendlektüre darstellt.

Was kommt heraus, wenn eine Historikerin mit einem Soziologen & Ethnologen zusammen ein Buch über deutsche kulinarische Spezialitäten – und solche die es werden wollten – im historischen Kontext schreibt? Ein lesenswertes Buch, „eine lustvolle kulinarische Zeitreise durch die Geschichte der Republik“ wie schon der Buchrücken verspricht. Liest man die ‚gut gesalzenen’ Kapitel, die kreativ die Jahre 1949-2008 je anhand einer spezifischen deutschen Spezialität oder eines historischen Trend-Gerichtes beschreiben, muss man konstatieren, dass die Kombination von Speise- und Zeitgeschichte kunstvoll gelingt. Denn so hat man die deutsche Geschichte selten gelesen: ‚ihr’ Essen nicht nur physiologisch-biologisch als Nahrung, sondern als Chiffren gesellschaftlichen Wandels zu beschreiben, als „Abbilder gesellschaftlicher Realitäten und Mentalitäten“. ist innovativ  und  hoch legtim. Dieses abwechslungsreiche Zusammenspiel von Speis’ und Sein gelingt den Autoren bis auf wenige Ausnahmen gut. Über kleinere allzu konstruiert wirkenden Zusammenhängen zwischen Gerichten und Geschichte kann der gewogene Leser wohl hinwegsehen – das ist der Preis den er für diese unübliche Verbindung zu bezahlen hat.

Bei genauerem Hinsehen sticht diesem nicht nur die Lust am Kombinieren von Kulinarischem mit Geschichtlichem und Sozialstrukturellem ins Auge, sondern durchaus auch jene am Austeilen. In dieser wackelt die political correctness des Öfteren, wird aber nie zu Fall gebracht. Kommentierungen sind ab und an hart und kernig, kommen knorrig bis verbissen daher; sie werden so jedoch als ein Stilmittel genutzt. Da sie sich nicht gegen bestimmte Gruppen richtet, sondern gegen „alle“ – CDU-Vetternwirtschaftler, integrationsunwillige Teile der muslimischen Bevölkerung, „arrogante“ Wiener, Ökos und „Müslifresser“,… – wird auch dieses Stilmittel der Überspitzung so gut in der deutschen Suppe verrührt, dass es diese nicht versalzt, sondern ihr die nötige Schärfe verleiht (wobei freilich auch Schärfe Geschmacksfrage ist). Positiver Effekt der „Schärfe“ ist jedenfalls, dass die ironische, stellenweise provokante Schreibweise anregt, sich wieder mit den historischen deutschen Themen von damals bis heute zu beschäftigen und sich zu fragen, was sie – bezogen auf die heutige Zeit – für einen selbst und für die Gesellschaft bedeuten. Ob man dann immer derselben Ansicht ist wie die Autoren ist eine andere Frage – sei es bezüglich Makaroni und antiautoritären Erziehung, „Negerküssen“ und der RAF, der Kieler Sprotte und Willy Brandt…

Letztlich erfrischt vor allem, dass es keine klassische Weisheiten oder Ratschläge sind, die da unterm Leberkäs’, im Käseigel, zwischen den Fischstäbchen, dem Döner oder auf der Butterstulle versteckt wurden, sondern sich der Mehrwert des Buches aus seinen Potentialen speißt, Reflexionsprozesse (wieder) anzustoßen. Was der Leser daraus macht, das kann dann weise sein – oder aber weniger. Da verhält es ich nicht anders als bei Nahrungsmitteln vor ihrer Zubereitung – im Rohzustand.

Zu roh für eine gute Abendlektüre ist das Buch aber keinesfalls und sorgt dabei für einen Lesegenuss, der sich von bloßer Unterhaltung deutlich abgrenzt und gleichzeitig dennoch solche bietet.

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Das Buch: „Malzeit! 60 Jahre Deutschland – Eine kulinarische Zeitreise“ von Ingke Brodersen und Rüdiger Damman ist 2009 im Dumont-Verlag erschienen

Der Rezensient: Nicolas Schrode

Zitationsvorschlag: Nicolas Schrode. Rezension vom 05.05.2010 zu: Ingke Brodersen / Rüdiger Dammann: Mahlzeit! 60 Jahre Deutschland eine kulinarische Zeitreise. Dumont Verlag. 2009.

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